Rezension aus dem Off: Berliner Luft – It’s in the air…

Die Berliner steckten schon immer voll verrückter, kreativer Ideen. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Egal ob hier geboren oder zugezogen, es liegt wohl irgendetwas in der Luft, das dem künstlerischen Schaffensdrang auf die Sprünge hilft.

Genau von diesem besonderen Etwas wurden auch vier freche Damen gepackt, die sich unter dem Motto “Feathers, fringe and fancy feet” einen Herzenswunsch erfüllten: Sie präsentieren ein ambitioniertes Cabaret-Programm mit einem Potpourri aus Variété-Nummern von 1890 bis in die Goldenen Zwanziger. Mit bunten Kostümen, guter Laune und viel nackter Haut wirbeln die Darstellerinnen über die Bühne und sorgen für lustige und lustvolle Momente.
Die vier Künstlerinnen kommen aus Kanada, den USA und Italien. Sie alle sind verliebt in Berlin und tragen beruflich auf verschiedene Weise dazu bei, die Stadt bunter zu gestalten. Einen Großteil ihrer Zeit nutzen sie, um ihrer tänzerischen, gesanglichen und darstellenden Passion nachzugehen und präsentieren nun das Ergebnis zweijährigen Probierens in einer burlesken Show.

Die Story mutet beinah autobiografisch an:
Zwei New Yorker Soubretten haben um 1900 genug von den heimatlichen Bühnen und wollen die große weite Welt erobern. Sie singen und tanzen sich in zwei Jahrzehnten durch London, Paris und landen schließlich – natürlich – im Berlin der Goldenen Zwanziger. Die vier Tänzerinnen der Show präsentieren Hosenrollen im Vaudeville-Stil, imitieren Marlene Dietrich, Claire Waldoff, Mata Hari und Anita Berber und haben den Mut, bei sogenannten „Schönheitstänzen“, wie sie damals modern waren, sich im Eva-Kostüm auf der Bühne zu behaupten. Zusammengehalten wird das straffe Programm von einem herrlich tuntigen Conférencier, der mit viel Charme geistreich und humorvoll die Handlung kommentiert und auch mal einen Herren im Publikum bittet, ihm aus der Korsage zu helfen.

Dieser Querschnitt durch die Kleinkunst-Szene des frühen 20. Jahrhunderts ist freilich nicht ohne. Die an sich interessante und unterhaltsame Zeitreise läuft Gefahr, wegen der zahlreichen gezeigten kulturellen und sozialen Eindrucke verschiedener Epochen aus den Nähten zu platzen: Von Tableau Vivant, Stummfilmdarbietungen, der Befreiung der Frau aus den Zwängen des Korsetts, Can-Can im Moulin Rouge über Charlston bis hin zum Berliner Straßenleben und der berühmten Tanzszene aus „Metropolis“ droht innerhalb der gezeigten Kulturepochen Gilded Age, Edwardianisches London, Belle Epoque und Weimarer Republik der rote Faden verloren zu gehen. Andererseits zeigt die Story eben gerade durch ihre Bandbreite, wie groß das Repertoire einer tanzenden Diseuse vor 100 Jahren sein musste, damit diese halbwegs über die Runden kam. Von daher liegt die dargestellte wilde Nummern-Mischung vermutlich näher an der historischen Cabaret-Realität, als man zunächst glauben mag.

Von daher beeindruckt es, dass die vier Künstlerinnen dieses Stück alleine produzierten. Dafür, dass hier keine Profis am Werk sind, wird eine sehr beachtliche Bühnenleistung gezeigt. It’s in the air …

Das Übrige tut die zauberhafte Location in Gestalt des Ballhaus Berlin. Das beliebte Tanzlokal aus dem Jahre 1909 ist quasi ein Originalschauplatz für diese Show. Die Gäste sitzen an Tischen auf zwei Etagen und können – umgeben von edlen Kronleuchtern und verruchten roten Wänden – ein wenig die Salonluft der Zwanziger schnuppern. Und wem in der Pause langweilig wird, dem sei an‘s Herz gelegt, einmal die berühmten Tischtelefone auszuprobieren. Ja, die funktionieren noch und sind eine perfekt Möglichkeit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich habe es selbst getestet ;)

Ulrike schreibt für Euch über Ihre Eindrücke aus Berliner Off-Theatern. Hier war sie bei “Berliner Luft. It’s in the Air …” im Ballhaus Berlin an der Chausseestraße 102. Neue Termine kommen ganz bestimmt. Stay tuned!

 

©Verführer – Das Beste aus Berlin | Text: Ulrike Stockmann | Fotos: Stephanie Schneider

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