Hauptstadtsekt aus dem Humboldthain

Ein Sekt aus Berlin? Konnte ich auch zuerst kaum glauben. Aber mitten im Wedding, neben dem Volkspark Humboldthain und nur ein paar Schritte vom gleichnamigen S-Bahnhof entfernt, wachsen quasi unbemerkt vom Rest der Welt einige Weinreben. Nicht öffentlich zugänglich, sondern geschützt auf dem Gelände des Grünflächenamtes Bezirk Mitte. Aus dem süßen Saft ihrer Trauben entsteht ein äußerst seltener Tropfen. Der einzigartige Hauptstadtsekt. Ein Sekt direkt aus Berlin!

Das Grünflächenamt im Wedding gleicht einer Oase. Rechts rauscht gerade noch die S-Bahn am Humboldthain längs, aber als sich das eiserne Tor hinter mir schließt, stehe ich in einer anderen Welt. Wie im Auenland. Vor mir kleine Gebäude mit begrünten Fassaden, im Hof steht die Linde, darunter ganz malerisch Stühle und ein Tisch. Ich gehe weiter über den Hof und gelange zu einer eingezäunten Fläche. Uwe Dieckow vom Grünflächenamt wartet schon auf mich – in einem weinberankten Bogen mit Holztörchen. Daran hat jemand ein kleines Herz gesteckt. Der Weinberg. Ich verstehe. Eine Herzensangelegenheit.

Der herzige Weinberg am Humboldthain

Der Weinberg mit Herz, der zugegeben eher ein Weingarten als ein Berg ist, misst nur 800 Meter m². Aber der Ertrag reicht aus, um aus einer Ernte von durchschnittlich 400 kg Trauben rund 200 Flaschen Sekt zu keltern. Die Weddinger Reben tragen wohlklingende Namen, darunter so bekannte wie Grauer Burgunder, Müller-Thurgau und Pinot Blanc, aber auch unbekannte wie Perle von Czaba, Frühe Madeleine, Königin der Weingärten und Roter Malvasier. Kaufen kann man den Hauptstadtsekt, der sich „Humboldthainer“ nennt, leider nicht. Man muss ihn sich verdienen. „Nur zu Jubiläen oder besonderen städtischen Ereignissen wird eine Flasche verschenkt. Und darüber führen wir exakt Buch. Es kommt keine Sektflasche rein oder raus, ohne genauestens erfasst zu werden!“ Wie einen Schatz hüten Uwe Dieckow und sein Team nicht nur die Reben, sondern auch die Sektflaschen. Sie lagern an einem geheimen, nur wenigen Eingeweihten bekannten Ort. „Aber nicht hier im Grünflächenamt!“ lacht Uwe.

Mini-Exkurs in die Berliner Weingeschichte

Was kaum einer weiß: Berlin war vor gut 270 Jahren noch ein florierendes Weinbaugebiet mit Jahrhunderte alter Tradition (mehr dazu stand im Verführer Winterausgabe 2012/13, wer’s nachlesen mag). Aber klimatische Veränderungen, die sogenannte Kleine Eiszeit ab 1740, machten dem Weinanbau in Berlin den Garaus. Hier ein Crash-Kurs in Berliner Weingeschichte für Euch:

  • ab 12. Jh.: Prämonstratenser-Mönche beginnen mit dem Weinbau zwecks Unabhängigkeit von unsicheren Handelsrouten, langen Lieferzeiten aus dem Süden und der Eintönigkeit des Biertrinkens. Passend: Das Klima erwärmt sich!
  • zwischen 15. und 18. Jh.:  Berlin zählt stolze 96 Weinberge. Weinreben stehen dicht an dicht auf dem Kreuzberg, dem Volkspark Friedrichshain, und im Prenzlauer Berg ziehen sich die Weinberge vom heutigen Weinbergspark/Weinmeisterstraße gen Osten bis zum Friedrichshain.
  • 1740: Klimawandel, aber andersrum … Dem eisekalten Ausnahmewinter halten die meisten Reben nicht stand. Der Weinanbau in Berlin erlebt seinen Niedergang.
  • 1968: Wiesbaden schenkt Kreuzberg fünf Weinreben der Sorte Neroberg in Erinnerung an die Weinbautradition. Weitere Partnerstädte folgen dem Beispiel. Wenn auch im Kleinen – der Weinanbau ist zurück in Berlin. Jipieh!

Heute ist der Weinbau in der Hauptstadt mit rund 1.500 Reben in 10 Berliner Bezirken eindeutig etwas für Ambitionierte und Liebhaber. Und natürlich für interessierte Weinfreunde, denn das Einbringen von tatkräftiger Hilfe ist erwünscht.

So kam der Sekt in den Wedding

Im Weddinger Humboldthain hatte man die Wein-Tradition im Jahr 1987 wiederbelebt, als die badische Winzergemeinde Achkarren am Kaiserstuhl genau 99 Reben „Grauer Burgunder“ bereitstellte und zusammen mit dem Gärtnermeister und damaligen Bezirksleiter Horst Riewendt das Projekt „Hauptstadtsekt“ startete. Horst lächelt auch heute noch voll Stolz von einem gerahmten Erinnerungsfoto ;)

Die nächsten Jahre bedeuteten viel Arbeit und das Sammeln von Erfahrung. Die Idee der Weinherstellung lässt man darum wieder fallen. Und man beschränkt sich auf Schaumwein. Über den ersten Sekt freuten sich die Macher der ersten Stunde im Jahr des Mauerfalls 1989. Und da man sich in Achkarren so gut mit der Weiterverarbeitung von Trauben auskennt, treten diese nach der herbstlichen Lese eine Reise 800 km gen Süden an und werden dort versektet. Im nächsten Jahr, wenn die frischen Trauben aus dem Humboldthain abgeholt werden, kommt gleichzeitig der fertige Sekt aus dem Vorjahr zurück in die Hauptstadt. Auf dem Etikett steht: Der Hauptstadtsekt – Humboldthainer – Gewachsen und gelesen im Volkspark Humboldthain, 3 km nördlich des Bundeskanzleramts, in Berlin Wedding.

Wer mal einen Blick auf die Reben des Hauptstadtsekts werfen möchte, oder vielleicht sogar bei der Weinlese helfen möchte, ist vom Grünflächenamt herzlich dazu eingeladen. Die Lese findet je nach Witterung und Reifegrad der Trauben. Früher gab es zu diesem Anlass Zwiebelkuchen und eine Kostprobe Hauptstadtsekt. „Darauf müssen wir aus Etatgründen seit 2013 leider verzichten“, bedauert Uwe. Trotzdem würde er sich über Helfer und Interessierte sehr freuen. Der Weinanbau in Berlin wird rein rechtlich übrigens nur geduldet. Kommerzielle Zwecke dürfen nicht damit verbunden sein. Denn das Deutsche Weingesetzt zählt exakt 26 Anbaugebiete. Und Berlin gehört eben nicht dazu.

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