Kabarett und Currywurst bei den Stachelschweinen. Und ein bisschen Zeitreise obendrein.

Kennt Ihr das auch? Es gibt Orte in Berlin, die durchweht noch heute der Geist vergangener Zeiten. Nee, keine Museen. Ich meine Orte mitten im prallen Leben der Stadt. Um einen herum Jubel, Trubel, Action, aber zack – beschleicht einen plötzlich das Gefühl, als sei man just einer Zeitmaschine entstiegen. So eine Zeitmaschine ist für mich das Europa-Center am Breitscheidplatz in Charlottenburg. Tiefster Westen, vor dem Mauerfall. Heute für mich das “alte Herz West-Berlins”. Ich war dort kürzlich im Kabarett-Theater “Die Stachelschweine” zu Gast.  Aber von vorn erzählt: Die Stachelschweine hatten mich eingeladen, ihr aktuelles Stück “Kabarett & Currywurst” anzusehen (merci nochmal!). So entschlüpfte ich Samstagabend der U-Bahn, gespannt auf die Berliner Bühnen-Institution. Gegründet 1949, also jetzt im 65. Jahr. Erich Kästner hatte den Stachelschweinen einst orakelnd ins Stammbuch geschrieben: Lasst Euch nicht rasieren! Es gibt sie immer noch, zu finden im Berliner Europa Center, Standort der “stacheligen Bühne” seit 1965.

Setze ich den Fuß ins Europa-Center, das übrigens 1965 eröffnet wurde und unter Denkmalschutz steht, ist der Effekt immer ähnlich. Zwischen dem kitischigen Souvenir-Shop, gängigen Ladenketten, dem obligatorischen Bayernrestaurant und Irish Pub, dem Indoor-Brunnen und der Architektur des damals nach Erneuerung heischenden West-Berlin, schaue ich hoch zur verspiegelten Decke, und ich werde wieder 10 Jahre alt, sehe mich in den 80ern beim Verwandtschaftsbesuch in Wuppertal mit Einkaufsbummel und anschließendem Essen bei McDonalds. Tiefster Westen eben. Wie in Wuppertal, so auch hier in Berlin Charlottenburg.

Die Stachelschweine-Bühne liegt im Untergeschoss. Ich nehme die Rolltreppe abwärts. Mensch, da gab’s doch dieses Buch.  Schullektüre. Noch ein Flashback. Da ist schon der Eingang zum Theater. Nicht zu verfehlen, denn davor eine Traube Menschen. Großes Gedränge und hallo. Ein bunt gemischtes Publikum mit Tendenz zu eher reiferen Semestern. Ich reihe mich ein und stehe kurz darauf im Foyer. Linkerhand eine Fotowand von den Stücken aus den letzten 60 Jahren. Was heute Instagram per Klick auf Earlybird, Toaster, Walden oder 1977 faked, hat hier der Zahn der Zeit noch im Original bewerkstelligt. Ich mag das. Rechterhand Garderobe und Theke, und an den Wänden Zeichnungen, Kunstwerke, Devotionalien und Erinnerungsstücke aus guten alten Zeiten und von guten alten Freunden. Man ist eben eine Institution.

Ich saß in Reihe 6, klassische Theaterbestuhlung, aber es gibt auch kleine Tische und eine Art Empore, auf der man ebenfalls an Tischen sitzen kann. Da darf das Glas Bier natürlich nicht fehlen. Und wieder denke ich: Könnte auch in Köln, Bochum oder Frankfurt Main sein. Ist aber Berlin und das fällt einem allerspätestens dann wieder ein, wenn das Programm startet. “Kabarett & Currywurst” spielt (Curry 36 lässt grüßen und Currywurst wird auch nach der Show allen, die Appetit bekommen haben, kostenlos  gereicht) an einer typischen Wurstbude, die tagein tagaus zum Treffpunkt für Berliner wird: Immobilienmakler, Taxifahrerin, Bombenbentschärfer, Studentin, Bordsteinschwalbe, türkischer Döner-Experte und so weiter. Es wird gesungen, parodiert, es werden die Missstände und Umstände des Berliner Lebens durch den Kakao gezogen, kritische Themen der zeitgenössischen Politik und des sozialen Lebens von ganz normalen Leuten kommentiert. Sie sind das Sprachrohr für die Probleme, die die Menschen in der Stadt beschäftigen. Ob aktuelle Situation am Kapitalmarkt, BER, kryptische Hartz 4-Anträge oder  Gentrifizierung und Entmietung, die Stachelschweine nehmen kein Blatt vor den Mund.

Nach der Show bestaune ich noch die Portraits der Bundespräsidenten im Theaterraum. Und probiere die Currywurst. Tschüss, Westen, und danke für den Abend. Bis zum nächsten Mal!

Die Stachelschweine, Tauentzienstraße 9 – 12 (im Europa-Center), 10789 Berlin-Charlottenburg

www.diestachelschweine.de

 

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