Käfig, Narren, und ich mitten drin – La Cage aux Folles in der Bar jeder Vernunft.

Einen Schwan als Boot kennt man von Lohengrin oder dem exzentrischen Ludwig von Bayern. Ein Schwanenboot mit Peniskopf kannte ich bisher nicht. Aber man lernt ja gern dazu. Im Musical „La Cage aux Folles“, das Anfang März in der “Bar jeder Vernunft” Première feierte, kann sich das geneigte Publikum an deutlich mehr als nur diesem einen pikanten Detail erfreuen. Mir hat es sehr gut gefallen. Wirklich richtig gut. Ich hatte einen richtig feinen Abend!

Die Bühne (und eigentlich gleichzeitig auch das komplette Spiegelzelt, denn das ist wirklich schnuckelig überschaubar) wurde dank Bühnenbildner Friedrich Eggert mit gezielten Deko-Elementen und einer Art Laufsteg zur fantasievollen Nachtbar in Saint Tropez: Zum “La Cage”, dem Käfig, in dem es allabendlich närrisch zugeht, und auch zur Sache.  Wir, das Publikum, saßen in diesem angedeuteten Käfig, und wurden dadurch kurzerhand Teil der Inszenierung. Zaza beispielsweise diskutierte mit mir den Animal Print ihrer Bluse. Zum Glück reichte es ihr, dass ich ihn lobte und verständnisvoll nickte ;) Um uns herum ein paar goldene Palmen, aus denen heraus die Stäbe des Käfigs wachsen, vorn auf der Bühne zwei über Mannshohe Jünglinge in Gold, aus deren Lenden unübersehbar ebenfalls „Stäbe“ wachsen. Wer s nicht frivol mag, ist hier falsch.

Die Geschichte ist die des schwulen Nachtclubbesitzers Georges (Peter Rühring) und seines Lebensgefährten Albin (Hannes Fischer), der gleichzeitig Transvestit und  Perfomer mit Namen  Zaza sowie Star der abendlichen Show im La Cage ist. Die beiden haben einen erwachsenen Sohn, der aus Georges’ One-Night-Stand mit einer Revuetänzerin entschlüpfte: Jean-Michel (Sebastian Stert). Die Tänzerin wollte Karriere machen und ließ das Kind in Saint Tropez. Für Jean-Michel sind Georges und Albin respektive Zaza gleichwertige Eltern. Nun will Jean-Michel heiraten. Unfassbar: Eine Frau! Anne Dindon (Nell Pietrzyk). Nachdem das erste Drama verkraftet ist, stellt sich die zukünftige Schwiegerfamilie als dem konservativsten Kaliber zugehörig heraus. Albin / Zaza soll fürs Kennlern-Treffen zur Sicherheit zu Onkel Albert gemacht werden. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

Bei aller Comedy und allem Klamauk, dem überschäumenden Bühnentanz (perfekt choreographiert und umgesetzt!) und der humoristischen Überzeichnung der Figuren, merkt man jedoch auch, dass es in diesem Theater-Klassiker von 1973 im Kern um grundlegende Probleme geht: Es geht um Identität, gesellschaftliche Verleugnung, um Respekt, um Ängste wie Verlust und Eifersucht. Es geht um Lebensentwürfe, Träume, um die Frage: Wer oder was ist hier eigentlich normal und wer oder was verrückt? Und es geht um Liebe in all ihren Facetten.

Absoluter Wirbelwind des Abends sind übrigens “Les Cagelles”, die Travestie-Künstler des La Cage aux Folles (Andreas Renee Swoboda, Christoph Jonas, Vanni Viscusi und Hakan T. Aslan). Und das Highlight der Show, sowohl optisch als auch schauspielerisch, ist Albins / Zazas Butler Jacob – oder besser seine Zofe, worauf Jacob divenhaft besteht. Begleitet werden die Schauspieler von einer Live-Band, der Bang Gang (wenn ich’s richtig behalten hab).

Noch etwas zum Ambiente: In der Bar jeder Vernunft sitzt man an kleinen Cockailtischen oder an großen Tischen zusammen mit anderen Leuten, je nachdem für welche Platz-Kategorie man sich entscheidet. Bedient wird am Tisch. Unser Service war wirklich zauberhaft, aufmerksam und schnell. Vor der Show kann man etwas essen, in der Pause auch. Die Menüs, die man im Vorfeld bestellen kann und deren  Gänge vor der Show gereicht werden (bis auf das Dessert, das gibt’s in der Pause) sind durchaus kulinarisch anspruchsvoll. Die reguläre Karte bietet Pasta, Wiener Schnitzel, Caesar Salad und andere Klassiker. Die Speisen und Getränke sind im Preis nicht enthalten, aber man sollte bedenken, dass die Bar jeder Vernunft kein gesponsertes Theater ist, sondern sich vollständig selbst tragen muss.  Super sweet und Sahnehäubchen: Alle Servicekräfte trugen als Kopfschmuck einen großen Fascinator in Form eines Vogelkäfigs. Samt Vogel, einem künstlichen versteht sich. Für die schrillen Kostüme sorgte übrigens Falk Bauer, die Maske übernahm Barbie Breakout, manchen noch eindrücklich Erinnerung aus dem Berliner Teil von “Das Perfekte Dinner” im vergangenen Jahr.

La Cage aux Folles – Ein Käfig voller Narren

01. März – 31. Mai 2014 in der Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, 10719 Berlin (auf dem Parkdeck, folgt am besten der Lichterkette)

Karten unter 030 883 15 82 oder reservierungen@bar-jeder-vernunft.de

www.bar-jeder-vernunft.de

Fotos: © Jan Wirdeier

 

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