Reisen – Suche nach neuen Eindrücken. Modedesign von Reality Studio

“Als ich 2005 mein Label startete und die erste Kollektion zeigte, war es für mich sehr wichtig, mir bewusst zu sein, dass man im hier und jetzt lebt. Nicht etwa in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Ich wollte kein zurückblickendes „hätte ich mal“ oder träumerisches „könnte ich doch“. Das empfinde ich als einen zentralen Punkt  im Leben. Und als ein echtes Long Term Project. Denn es ist nicht immer einfach, sich an dem Punkt wahrzunehmen und wohl zu fühlen, wo man gerade steht.”

Ich treffe Designerin Svenja Specht in ihrem Atelier. Svenja hat an der Fachhochschule Niederrhein Mode und Produktdesign studiert. Seit 2005 gibt es ihr Modelabel Reality Studio.

“Als ich mit dem Modedesign begann, habe ich von einer Methode von William Burroughs gelesen, die sich Reality Studio nannte. Darin haben sie Filmmaterial zerschnitten, neu zusammengesetzt und diesem dadurch einen neue Bedeutung gegeben. Ich habe das für mich so interpretiert: Reality, das ist die Wirklichkeit, die Umgebung und das hier vorhandene, in der und mit dem wir arbeiten. Und das Studio bin ich. Sozusagen der Transformator, durch den ganz individuell und einzigartig die Gestaltung einzelner Dinge innerhalb der Wirklichkeit vorgenommen wird. Denn jeder sieht und entwirft Dinge anders. Selbst wenn wir die gleiche Schule besucht oder ein ähnliches Elternhaus hätten – sollten wir beispielsweise aus einer Tasse und einem Stück Stoff etwas gestalten, würde das Ergebnis bei jedem von uns anders aussehen. Und das Verrückte: Viele Dinge liegen einfach außerhalb unserer Vorstellungskraft, weil sie nicht Teil unserer Welt sind. Wir schaffen meist Dinge, die wir schon kennen. Schlussendlich sind Dinge, die neu erschaffen werden, ein Komposit aus dem vorhandenen. Reduziert ist dies der Anspruch, und dadurch schaffe ich etwas neues, und etwas einzigartiges. Ich stelle mich dadurch nicht heraus, jeder könnte einzigartiges schaffen, aber jeder macht das auf seine einzigartige Weise, und ich eben auch.”

Hinter den großen Zuschneidetischen in Svenjas Atelier fallen sofort viele bunte kunstvolle Masken, verschiedene Bilder und kleine Textilien auf. Sie sind dekorativ an der Stirnwand des Raums angebracht. Exotisch wirken sie, wie Mitbringsel aus fernen Ländern. Ein kleinerer Raum dient Besprechungen. Auch hier im Regal Bücher über Reisen. Und mindestens genauso viele über Modedesign. Hätte mich auch gewundert. „Ich reise sehr gern. Habe auch mal  drei Jahre in China gelebt, von 1998 bis 2001, und dort im Grafikbereich gearbeitet. Modetechnisch war in China damals alles noch anders, wie im Dornröschenschlaf. Ich würde gern mal wieder hinfahren, aber ich habe auch Angst vor dem, was ich dort an Veränderungen sehen würde. China hat sich sehr verwestlicht. Die Chinesen stecken gerade mitten in dieser „Consumer Attitude“ – von allem mehr, teurer, neuer, angesagter – wovon wir uns hier aktuell ja schon wieder wegbewegen.“

Egal wohin man fährt, sagt Svenja, man findet überall Inspiration. Die Suche nach neuen (Reise-)Zielen ist für sie auch die Suche nach neuen Eindrücken. Denn dieser Input ist ihr wichtig, um kreativ zu arbeiten: „Vor zwei Jahren habe ich noch felsenfest behauptet, die Farbe Bordeaux kommt mir nicht in die Kollektion. Dann war ich auf Reisen, sah diesen Farbton in einem anderen Kontext – und auf einmal habe ich Bordeaux benutzt! Als Modedesigner sollte  man offen bleiben und auch äußere Einflüsse kreativ verwerten. Klar, wenn man 30 Jahre im stillen Kämmerlein sitzt, kann  man statisch behaupten, ich hasse Bordeaux. Aber wenn man in die Welt hinausgeht, dann kann man auf einmal merken, dass Bordeaux doch nicht so übel ist.“

Berlin – Androgyn, individuell und nicht unsexy

Traditionelle Handwerkstechniken und kulturelle Einflüsse auf Kleidung und Verarbeitungstechniken faszinieren Svenja. „Ein Kimono zum Beispiel hat diese Form, weil die japanischen Webstühle so schmal sind. Aus diesen schmalen, aneinander gesetzten  Stoffbahnen ergibt sich die charakteristische, kastige Kimono-Form. Oder Kleidung im Zusammenspiel mit Status: Im lässigen Pullover und Jeans kommt man anders daher als im engen Kostümchen. Darum sollte man sich genau überlegen, was man trägt, wenn man aus dem Haus geht. Manchmal hilft ein Kleidungsstück, die Form zu wahren oder klare Botschaften zu präsentieren, was man sagen will über sich selbst – oder eben nicht.“ Svenja legt in ihren Kollektionen großen Wert auf ausgesucht hochwertige Stoffe, auf beste Verarbeitung und  zeitloses Design, das oft auch offen ist für Anpassungen und Ergänzungen. Sie beschreibt es so: „Mein eigener Stil ist ähnlich wie mein Designstil eher Casual, aber mit Akzenten. Ich trage gern Sachen von meinen Reisen, ein schön gewebter Schal aus Vietnam, oder eine Kimonojacke aus Japan. Casual klingt schnell nach „Bäurisch“ oder Streetwear. Ist es aber nicht. Ein Overall wird abends mit Highheels oder Ohrringen zu einem tragbaren Ausgehteil.  Ich mag den Kontrast, wenn ich z.B. einen ganz femininen Stoff nehme, und macht daraus einen Herrenanzug mache, wie so oft in meinen Kollektionen. Und so kann der Träger die Wirkung in eine bestimmte Richtung drehen, je nach dem was er betont. Berlin ist für mich auch casual, androgyn, sehr individuell. Und nicht unsexy.“

 

Reality Studio (Atelier), Virchowstraße 1, 10249 Berlin-Friedrichshain

www.realitystudio.de

 

© Verführer – Das Beste aus Berlin | Foto: Yosuke Demukai | Artdirection The Simple Society | Interview: Stephanie Schneider

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