Berliner Modedesigner – Die Menschen hinter dem Label #15: Berlin Denim … oder kann man sich ein Leben ohne Jeans vorstellen? #designerinterview #berlinermodedesigner

V-Mag-Berlin-Denim-Jeans-in-Mitte Alexander Graalfs

Während Alex vor der Ladentür von „Class of Berlin“  eine schnelle Zigarette raucht und mir aus seinem Leben erzählt, kommt er ins Sinnieren: „Früher hat ein Schneider für die Persönlichkeit von Menschen Kleider entworfen. Heute entwirft die Industrie  Kleider als Selbstzweck und sucht sich dann Menschen aus, die sie da hinein stecken kann.“

Was das angeht, ist Alex Traditionalist. Auch er will von der Persönlichkeit eines Menschen ausgehen und für ihn das ultimative Kleidungsstück erschaffen. Das kann für Alex nur eines sein: Die perfekte Jeans.

LOCAL HERO Berlin - Berlin Denim - Jeans in Mitte - Label

Das Label von Berlin Denim

Alexander Graalfs wurde 1969 in Ostberlin geboren. In der Charité an der Oranienburger. Sein Leben gestaltete sich bunt. Zu Ostzeiten lebte Alex als Punk, er genoss die Subkultur, die sich ihm dort auftat. Er mochte es, sich optisch zu unterscheiden. Vor allem Kirchen – im Osten exterritoriales Gebiet – waren Treffpunkte der Szene. Dort konnten sie Musik machen und feiern. Die Freundin seiner Mutter verschaffte ihm trotz der 4 in Mathe einen Lehrplatz zum Verkäufer im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz. „Dabei herrschte auf dem Alexanderplatz Punkverbot. Uns gab es offiziell ja gar nicht. Und dann kam ich ins Centrum  – mit meinen Nietenarmbändern und schrägen Frisuren“, sagt er und lacht. Nach der Lehre jobbte er als Telegramm- und Eilzusteller beim Postamt Friedrichshain, als Tellerwäscher auf Hiddensee, als Hausmeister im Knaackclub.

Nach der Wende fand er seine neue Subkultur im Rock-A-Billy. Dann machte nebenberuflich eine Grafiklehre und bekam einen lukrativen IT-job bei Bertelsmann. Hier lernte er seine frühere Frau kennen. Mit ihr eröffnete er 2000 seinen ersten Klamotten-Laden auf der Danziger, das „Rock-A-Tiki“, zog dann 2004 in die Eberswalder um, und von da nochmal kurz in die Kopenhagener. Danach kam ein Jahr Auszeit. Aber die Mode und der amerikanische 50er Jahre Style ließen ihn nicht los.

Seit Juni 2011 betreibt Alex mit 5 weiteren Kreativen den Laden „Class of Berlin“ an der Großen Hamburger. Er liegt auf dem Hinterhof des ältesten Hauses in Mitte von 1680. Hier ist der Rock-A-Billy zu Hause. 2 Designer, 1 Grafiker, 2 Händler und 1 Friseur, der im Gewölbekeller zwischen 50er Jahre Ambiente von Dienstag bis Freitag Haare schneidet, Australiern, Schweizern, Engländern, es hat sich rum gesprochen.

Alex arbeitet an seinen Jeans wie ein Hyper-Perfektionist. Er will die ultimative Jeans entwerfen, und findet immer wieder Details, die er verbessern könnte. Er schneidert nach der alten Schule, aus nicht vorgewaschenem Denim. „Die Jeans sind stocksteif, wenn wir sie verkaufen, man kann sie in die Ecke stellen. Das muss man den Leuten erklären.“ Das Indigo färbt ein paar Tage die Beine blau, sagt er, aber das verliert sich nach der zweiten Wäsche. Manche wundern sich über den bollerigen Schnitt beim ersten Anprobieren, aber dass, was unterhalb des Bauches zuviel an Stoff zu sein scheint, verschwindet beim Gehen in den Schrittfalten und sorgt so für einen absolut individuelle und zugleich bequeme Passform. Ich verstehe. „Einlaufen“ mal anders.

Aus Nîmes in Frankreich kam das Tuch, aus dem Jakob Davis seine robusten, durch Kupfernieten verstärkten Hosen hat schneidern lassen. Davis war überzeugt von der Idee, aber ihm fehlten 75 Dollar für das Patent. Darum ging er zu Levi Strauss, der sein Stofflieferant war. 1873 erhielt dieser das Patent auf die Hosen aus dem Stoff aus Nîmes,  französisch: De Nîmes. Daraus wurde – richtig: Denim. Alle wollten die gleichen Matrosenhosen wie die Jungs aus Genua, die Genueser. Und weil die Amerikaner ja immer ein Kaugummi im Mund haben beim Sprechen, wurde auf Genueser – Jeans!

Alex‘ Jeans haben Details, die man fast nur dann bemerkt, wenn man mit der Nase drauf gestupst wird. Die Nähte sind rot und weiß, denn das sind die Farben von Berlin. Auf dem Label steht: Da kiekste, wa? Das tut man wirklich. Unterm Größenetikett versteckt sich Alex Leitspruch: „Natürlich Jeans, oder kann man sich ein Leben ohne Jeans vorstellen!“ Von Ulrich Plenzdorf aus „Die Leiden des jungen W.“. Alex lässt nur 50 Stück seiner Jeans nähen. „Mehr kann ich mir nicht leisten. Eine Hose kostet 139 Euro. Das bleibt auch erstmal so, obwohl die Rohware teuer wurde. Wenn der Lieferant nochmal drauf schlägt, muss ich im Preis anziehen“. Was ihn immer wieder inspiriert, frage ich, und habe den Mund noch nicht wieder geschlossen, da hat er schon geantwortet: Musik. „Wenn ich mir vorstellen, dass in 70 Jahren jemand meine Jeans in der Hand hat und sagt: Wahnsinn, ich habe eine echte Berlin Denim, dann geht mir das Herz auf. Darum mache ich das. So bleibt was Fassbares von meiner Arbeit übrig. Abgesehen davon, dass man bei der Arbeit mehr Spaß hat als alle anderen.“

Berlin Denim bei Class of Berlin, Große Hamburger Straße 19a, 10119 Berlin-Mitte

www.berlindenim.com

 

Achtung! Berlin Denim sind limitiert und nur ein Mal pro Jahr zu haben!

Dieses Mal voraussichtlich im März 2014.

 

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