Berliner Modedesigner – Die Menschen hinter dem Label #3: thatchers – Etwas, das uns für lange Zeit begleitet

Dieses Statement zeugt nicht nur von Erfahrung und Kenne, darin schwingt auch Wärme und Liebe zur Mode mit: „Mode sollte nichts zeitlich begrenztes sein, kein kurzlebiger Trend. Sondern etwas, das uns für eine lange Zeit in unserem Leben begleitet, wie ein Freund oder ein Familienmitglied.“ Ich sitze Thomas Mrozek von thatchers gegenüber, höre zu, wie er mir mit ruhiger Stimme und pointierten Spitzen seinen Werdegang erzählt.

Thomas wird 1959 geboren. Er studiert Germanistik und Anglistik. Erst auf Lehramt, bis er beim Praktikum in England merkt, dass er mit Pädagogik nicht viel am Hut hat, dann wechselt er auf Magister. In England lernt Thomas seinen ersten Freund kennen und geht mit ihm nach Italien. „Deutschland war für meinen Freund kein tragbarer Zustand – als Brasilianer. Also sind wir beide nach Rom. Dort habe ich dann die Mode für mich entdeckt.“ Mode fasziniert Thomas, er hört dazu an der Accademia di Moda einige Vorlesungen.

1983 neu in Berlin, kommt eine Theatergruppe auf ihn zu, für die er Kostüme schneidern soll. Die Berlin Play Actors, das erste englischsprachige Theater Berlins. „Ich konnte doch gar nicht nähen, aber ich habe mir ein bisschen was beigebracht.“ Gleich das zweite Stück war ein voller Erfolg. “The Importance of Being Earnest, 20 Aufführungen waren geplant, es wurden 300. Zu dieser Zeit lernte ich dann meinen späteren Partner Ralf Hensellek kennen. Der war damals noch am Lette Verein“.

Beide entschieden sich für einen Weg in die Modebranche, denn die Kostümschneiderei  schien ihnen weder in kreativer noch in finanzieller Hinsicht beständig. Sie wollten selbstbestimmt arbeiten. 1995 gründeten beide zusammen das Label thatchers. „Hensellek/Mrozek – das hätte sich damals doch niemand gemerkt, das wäre als Label nicht gegangen. Heute wäre es cool.“ Deutsche Mode hatte damals noch keinen so guten Ruf, erklärt Thomas mir, sie galt eher als selbstgebastelt. Die beiden Designer aber wollten einen internationalen Namen, den man sich merken konnte. Thomas mag das Wort und die deutsche Bedeutung: Dachdecker. Sie hätten sich nämlich auch immer eher als Handwerker statt als Künstler gesehen. „Ein Künstler sitzt rum und macht sich `n Kopp und keiner weiß, was er eigentlich hat. Schlimmstenfalls ist er depressiv. Und deswegen möchte ich kein Künstler sein, und Ralf war das auch gar nicht.“ Nach der ehemaligen britischen Premierministerin Magret Thatcher gefragt, sagt Thomas: „Ihre Strenge findet sich in unserer Mode. Wir hatten früher den Slogan ‚Dress with Discipline‘. Vielleicht aktiviere ich den wieder. Denn ich finde das wichtig: Nicht mehr als eine Idee pro Outfit.“

Für Thomas liegt die Diskrepanz bei Mode im Konflikt zwischen inspirativer Arbeit und Alltagsmode. „Es ist sehr schwierig, gute Alltagsmode gut zu machen, die Menschen jeden Tag anziehen können, ohne sich nach einem halben Jahr daran übergesehen zu haben. Es gibt schon so viel Müll auf der Erde. Nicht nur als Dinge, sondern auch im Kopf. Ich finde es schön, wenn man sich mit Dingen umgibt, die man wirklich mag. Wenn man den Kleiderschrank aufmacht und sagt, das ist meine Familie. Und nicht: ‚Oh, das sind meine Feinde, ich weiß nicht wie ich sie kombinieren soll  oder was ich überhaupt mit ihnen machen soll!‘ Kleidung sollte den Anspruch haben, ein Teil des Menschen zu sein.“

2009 erkrankt Ralf und stirbt im Dezember 2011. Ein schwerer Schlag für Thomas und auch für thatchers. „Wir kannten uns eine so unglaublich lange Zeit, haben sehr eng zusammen gearbeitet. Ralf war der Schnelle, der Impulsive und Emotionale. Wenn er sauer war, konnte man die Gewitterwolke über seinem Kopf sehen. Ich bin der ruhige, der lieber drei Mal über eine Entscheidung nachdenkt. Wir haben uns perfekt ergänzt. Er fehlt mir sehr. Seine spontane Art, seine schnelle Sicherheit. Ich muss nun viel von dem lernen, was wir in der gemeinsamen Zeit so selbstverständlich getanzt haben. Aber die Handschrift, die wir von Beginn an gemeinsam für thatchers entwickelt haben, die bleibt. Ich möchte sie nun einfach fort entwickeln.“

Die neue Kollektion „Renaissance“ sieht Thomas sprichwörtlich als Wiedergeburt. Sie ist eine inspirierende Kollektion, zeigt die Richtung, in der die Mode sich entwickeln soll. Auch der kürzliche Umzug mit dem Atelier in den „upcoming flughafenkiez“ Neukölln ist ein Neustart für Thomas.

thatchers fashion manufactory berlin, Nogatstraße 28, 12051 Berlin-Neukölln

www.thatchers.de

PS: thatchers hat zwei Shops, einen in den Hackeschen Höfen in Mitte und einen in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg.

 

© Verführer Berlin | Text: Stephanie Schneider | Fotos: Dan Zoubek (holy, ipad, rule), skye tan (singapore), david eskens (Marnie’s secret)

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