Berliner Modedesigner – Die Menschen hinter dem Label #6: Claudia Skoda. Mit dem Lustprinzip in den Mode-Olymp

Die Mode scheint Claudia Skoda unverrückbar in den Genen zu stecken. „Mein Vater war Schneidermeister, meine Stiefmutter Schneiderin und Kostümdesignerin. So eine zeitintensive Arbeit wollte ich nie machen.“  Dennoch. Nach acht Jahren im Job hängt sie ihren Beruf als auswertende Verlagslektorin an den Nagel.  Sie ist 27 Jahre alt und beginnt zu stricken. „Ich strickte erst mal für mich. Dann für Männer, die Hosen in ganz schrillen Farben haben wollten. Solch ausgefallene Mode gab es damals in Berlin nicht, junge Leute mussten entweder zu C&A oder ins Ausland. Sachen zu machen, die es noch nicht gab, war meine Herausforderung.“

Der gebürtigen Berlinerin gelingt es Anfang der 70er als Autodidaktin, einen ganz neuen Stil zu prägen. Damit erhebt sie die Kunst des Strickens in den Mode-Olymp. Mittlerweile sind ihre Strickkleider legendär. „Ich wollte einfach weg von der reinen Zweckmäßigkeit der Funktion wie bei einem Skipullover oder Twinset. Also habe ich hauchzarte Kleider gemacht. Aus Viskosegarnen mit Farbverläufen, teilweise mit Lurex. Damals sensationell! Man hat mir die Sachen aus den Händen gerissen.“ Das war 1973. Heute ist sie eine der bekanntesten Strickdesignerinnen der Welt.

Ihre erste Anlaufstelle wurde die Olympiade in München 1972. Und während sie erzählt, blitzt die abenteuerlustige Rebellin in ihren Augen auf. „Meine Freundin und ich sind in meinem BMW mit 200 km/h nach München gerauscht – wir hatten Kaffeebohnen eingeschmissen, den Koffer voll mit meinen Klamotten – wo ich in zwei Boutiquen meine ersten Sachen verkaufte.“

Vom ersten verdienten Geld kauft sie sich eine Gitarre. „Musik war mein Leben, elektronische Musik. Ich hatte sogar ein eigenes Label, habe selbst Platten produziert. Das erste Plattencover hat Kraftwerk gemacht. Die Platte wird heute richtig hoch gehandelt, so um die 600 EUR.“

Trotzdem bleibt Claudia Skoda der Mode treu. 1973 zeigt sie auf Ibiza ihre erste Modenschau – der Markstein für ihr gefühltes Gründungsjahr. Die richtige Firmengründung folgt 1975. Anfangs verkauft sie ihre Strickmode noch direkt auf Messen: „Das war meine beste Zeit. Boutique-Besitzer wollten die Sachen sofort mit in ihre Läden nehmen.“ Dann wurden Modedesigner verpflichtet, ihre Kollektionen ein halbes Jahr vor den Messen zu erstellen. „Viele Boutiquen konnten sich damals soweit im Voraus gar nicht auf die Wünsche der Kunden einstellen. Für die Produktionskosten musste ich jetzt in Vorleistung treten. Ich begann Stress zu spüren, meine Arbeit war nicht mehr so lustvoll. Ich entschied mich für den Umzug nach New York.“ Als Berlin 1987/88 Kulturstadt Europas wurde, kam Claudia Skoda anlässlich einer Galashow zurück. Sie wollte mehr in den Show-Konzeptbereich, hatte einige Aufträge. Dann fiel die Mauer. „Da war klar, ich bleibe in Berlin.“

Sie eröffnete ihren Laden am Ku’damm, designte für Escada, Marc Cain, Zappa und Joop. „Ich merkte, dass sie aber nur von meinem Stil partizipieren wollten.“ Denn ihr Stil ist unverwechselbar. „Ich stricke die Form des Kleids im Ganzen direkt auf Figur, wie aus einem Schlauch heraus.  Das kann nur ich. Ich stricke ganz viel von Hand. Manchmal hilft mir Klaus-Bärbel. So heißt mein Strickapparat.“ Für ein handgearbeitetes Kleid braucht sie ca. 34 Stunden. „Die Herausforderung und den Aufwand dahinter sieht nur, wer sich mit dem Strick-Handwerk auskennt. Man könnte denken, unsere Kollektionen seien maschinell erstellt.“ Dabei ist alles Handmade in Berlin. Im Atelier in der Mulackstraße, gleich neben dem heutigen Laden, arbeiten fünf Mitarbeiterinnen an Strickmaschinen, die eine gleichbleibende Qualität der Handarbeit gewährleisten. Durch die komplizierte Bedienung der unzähligen Nadeln ist der Aufwand identisch zum Stricken von Hand.

In diesem Jahr blickt Claudia Skoda auf 40 Jahre leidenschaftlichen Arbeitens zurück. Eine Gitarre hat sie zwar noch, aber sie spielt nicht mehr. Die Strickarbeit ist an ihren Händen nicht spurlos vorüber gegangen. Trotzdem designt und entwirft sie wie  eh und je, die besten Ideen hätte sie morgens im Halbschlaf. Ihr neuestes Modell ist variabel tragbar als Cape oder Kleid, aus Seide mit Babyalpaka. „Modern, easy, da stimmt alles. Das ist Design, schick, und erkennbar Skoda.“ Nach den krisenhaften Zeiten gefragt wird ihr Blick nachdenklich: „Uns gegenüber steht der Onlinemarkt und die Industrie mit ihren Billigangeboten. Wir machen handgearbeitete, zeitlose Produkte. Junge Kundinnen, die nachwachsen, haben nicht so viel Geld, wie es eigentlich kosten müsste. Unsere Sachen haben aber Substanz, die sehen in 20 Jahren noch gut aus. Luxus? Für mich: das zu machen, was mir Spaß macht. Kreatives, lustvolles Arbeiten. Wer weiß, wie lange das noch so geht. Denn die Motivation, etwas Schönes zu kaufen, ist nur da, wenn die Welt in Ordnung ist.“

Claudia Skoda, Mulackstraße 8, 10119 Berlin-Mitte

www.claudiaskoda.com

 

©Verführer – Das Beste aus Berlin | Text: Stephanie Schneider | Foto: Stefan Graef

Suchbegriffe: Strickdesign, Modedesign, Modedesignerin

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