Berliner Modedesigner – Die Menschen hinter dem Label #8: FIRMA. Wir erzählen von Berlin.“

Wegen seiner dunklen Stimme habe ich ihn am Telefon deutlich älter geschätzt, als er ist. Mein Gespräch mit Carl Tillessen vom Berliner Modelabel FIRMA, das er gemeinsam mit Daniela Biesenbach Ende der 90er Jahre gründete, beginnt mit einem Geständnis:„Eigentlich hatte ich in Hamburg Kunstgeschichte studiert. Aber wenn ich bei Sautter und Lackmann war (Hamburger Fachbuchhandlung, Anm. d. Red.), dann habe ich kaum nach Bildbänden über Malerei gegriffen. Aber immer nach Büchern über Mode. In dem Moment war mir klar: Mode ist meine Berufung.“ Mir gegenüber sitzt ein Mann, den andere Männer neidvoll als Charmebolzen bezeichnen würden. Jungenhafte Gesichtszüge, ausgesucht höflich, gepflegt, perfekt gekleidet, auffallend schöne Hände. Das Äußere betont Carls Sinn für Ästhetik, aber seine Stimme offenbart Zielstrebigkeit und Geschäftssinn: „Ich habe nach dem Studium sofort eine Ausbildung zum Maßschneidermeister gemacht. Denn ich wusste, was ich machen will, und dann wollte ich wissen, wie das geht. 1994 habe ich bei meinem ersten Design-Job in Berlin Daniela kennen gelernt. Sie hat damals am Ku‘damm Maßanzüge für Helmuth Kohl entworfen.“

Carl und Daniela war ihr kreatives Potential schnell bewusst. „Wir sind im Designprozess wie Zwillinge, wo einer den Satz des anderen vollendet. Man kann hinterher nicht mehr sagen, wer was gestaltet hat. Arbeitet einer am Entwurf des anderen weiter, ist das Ergebnis ist für beide gleich zufriedenstellend.“ 1998 launchten sie ihre erste Menswear-Linie in Paris. Sie nannten sie Firma. Acht Jahre lang haben Carl und Daniela mit FIRMA Männermode entworfen. Dann kam wegen steten Nachfragens von Freundinnen und Frauen ihrer Kunden die Damenkollektion. „Zu Beginn war sie androgyn, mittlerweile ist sie feminin, aber cool. Das erreichen wir durch das Prinzip ‚Weglassen‘. Es gibt keine Spitze, Volants oder Rüschen. Wir verniedlichen Frauen nicht. Proportionen, Schnitte, Stoffqualitäten machen die Weiblichkeit in unserer Kollektion aus. Wir verbinden Minimalismus und eine besondere Art Sexyness, die nicht vulgär ist. Mittlerweile ist die Frauenkollektion der größere Bereich in unserer Mode.“

Carls und Danielas Kreativität orientiert sich nicht an Paris oder Mailand, sondern an Berlin. „Wir leben und arbeiten hier und machen das, was zu unserem Leben und Umfeld passt. Wir erzählen von Berlin. Wir knüpfen an Traditionen, mit denen wir aufgewachsen sind, z.B. das Qualitätsbewusstsein oder Ideen aus der Bauhaustradition. Das wissen die Leute zu schätzen. Menschen reisen heute viel, und wenn man nach Berlin kommt, finden die Leute es auch gut, wenn man hier etwas Berlintypisches kaufen kann. Es geht darum, dass man das macht, was man selbst fühlt und lebt. Darin ist man dann auch am besten.“

In Carls Augen ist die Modeszene in Paris oder Mailand bürgerlich geprägt, mit Perlenketten und Nerzmänteln. Aber bürgerliche Statussymbole, so Carl, interessieren in Berlin niemanden. Das schafft für FIRMA die Chance, Luxus neu und anders zu definieren: „Mit unserer Mode kann man durch Neukölln spazieren oder in die U-Bahn steigen, ohne sich falsch zu fühlen. Die Signale, die man aussendet, bedeuten: kompromisslose Qualität in kleinen Auflagen unter ökologisch korrekten Bedingungen. Kleidung sollte nicht schreien: Ich kann es mir leisten, ich bin reich und Du nicht. Kleidung ist für mich keine eine soziale Differenzierung, sondern soziale Souveränität.“

Würde Carl aus Berlin weggehen? „Ich bin einfach ein Großstadtmensch. Ich komme aus der Provinz, aus Aachen. Es würde mir schwer fallen, zurück zu gehen. In einer anderen Stadt würde ich den Geist dort aufsaugen und meine Arbeit würde sich verändern. Aber Berlin ist seit 100 Jahren ein Ort, an dem man seine Individualität leben kann. Man kann hier anders sein, ohne dass man täglich zu spüren bekommt, dass man eigentlich gleich sein sollte. Hier wird Individualität als Tugend wahrgenommen, nicht als Makel. Dabei rede ich nicht von Freaks, sondern auch von Promis, die hier her ziehen, weil sie hier nicht als etwas Besonderes behandelt werden, sondern ganz normal. Das ist in Berlin gewachsen.“

Erfolg ist für Carl auch Verpflichtung. „Man tritt jede Saison wieder gegen die Besten an, wird verglichen, Gelungenes wird belohnt, Misslungenes abgestraft. Man kann sich nie wirklich ausruhen von dieser Mühle, in der man ist. Unser Team zählt 12 Personen, wir haben ein eigenes Musteratelier. Termine stehen, man gibt immer wieder absolut alles. Man gewöhnt sich aber auch daran, leidenschaftlich zu arbeiten. Ich könnte es gar nicht mehr anders.“

FIRMA Flagshipstore, Mulackstraße 1, 10119 Berlin-Mitte

www.firma.net

©Verführer – Das Beste aus Berlin | Interview: Stephanie Schneider | Foto: Martin Mai

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